Begegnung

Der Gute Hirte (ca. 1840, Russische Ikone, commons.wikimedia.org)
Der Gute Hirte – Russ. Ikone, ca. 1840

commons.wikimedia.org

 

Freitagabend, Sitzen im Zendo.
Müde komme ich spätabends im grossen Bahnhof an.
In mich gekehrt laufe ich langsam zu meinem Geleis,
noch ganz friedlich, gutgelaunt, nichtsahnend.
Da urplötzlich, wie aus dem Nichts, inmitten all des Getümmels:
Ein Mann, der, nach einigen forschen Schritten neben mir,
sich abrupt zu mir umdreht.
Mit weit aufgerissenen Augen starrt er mich an,
nur einen oder zwei Meter vor mir,
streckt mir drohend voller Wut den Stinkefinger ins Gesicht.
Ich denke: Besoffen oder irr.
Wundere mich über diese unvermittelte Heftigkeit aus heiterem Himmel,
ohne ihn zu kennen oder vorher gesehen zu haben,
ohne irgendjemanden auch nur schief angekuckt oder touchiert zu haben.
Laufe weiter, ignoriere ihn.
Er macht ebenfalls einige Schritte zügig weiter,
entfernt sich wieder von mir.
Denke schon, es sei vorbei.
Dann wieder, völlig überraschend, das selbe nochmals:
Apruptes stehenbleiben, direkt vor mir,
nur noch viel näher wie beim ersten mal,
weitest aufgerissene Augen, Stinkefinger.
Ich will ausweichen, er versperrt mir köperlich sehr grob
mit Armen und Händen den Weg.
Ich will ausweichen, Schritt zur Seite,
um ihn herumgehen, er versperrt mir den Weg.
Dann plötzlich: ein kraftvoller, gezielter Schlag
mit der gestreckten Faust in meine Brust.
Ich: völlig baff. Er dreht sich schnell um, rennt davon.
Eine Frau hat es noch halb mitbekommen, kuckt auch ganz verdutzt.
Ob es noch andere sahen, weiss ich nicht.
Der Mann verschwindet weiter vorne.
Ich laufe weiter.
Spüre den Schmerz körperlich auch noch eine halbe Stunde später,
aber vorallem: Fassungslos.
Bin vieles gewohnt an alltäglicher Gewalt,
Gerenne, Gerempel, Beleidigungen, subtile, drastische,
Aber das…
Heulend rufe ich meinen Freund an. Das tut gut.
Sage: hat halt mich erwischt,
sonst wärs vielleicht jemand anderer gewesen.
Ich wundere mich:
Ich kann dem Mann noch nicht mal böse sein, eigenartigerweise.
Im Gegenteil: Er tut mir leid.
Vorallem aber einfach nur: emotionaler Schmerz, Traurigkeit.
Auch wenn ich mir vorstelle, wie schön es wäre,
gerade in solch einem Moment Meisterin einer asiatischen Sportart zu sein.
Nicht aus Wut, nur um ihn vielleicht mit einigen schmerzlosen,
aber festen Haltegriffen zur Besinnung zu bringen,
zu zeigen: dass er nicht einfach so alles mit jedem machen kann.
Auch er: ein Teil vom grossen Selbst, ein Teil von mir.
Herr, lass dies zu unserem Segen sein,
rechne uns unsere Sünden nicht an,
und vielleicht erkennen wir einst das, was war,
mit ganzem Herz und in neuem Licht als Liebesgabe.
Amen.

Barbara-Paraprem

Genius

Ein Genie wartet nicht darauf, bei anderen Anklang zu finden,
um das, was er der Welt zu schenken hat, zum Ausdruck zu bringen.
Sonst wären viele Erfindungen, grossartige Entdeckungen
oder Werke nie gemacht worden.
Jeder ist ein Genie und einzigartig an sich, allein durch sein Sein.
Jedoch auch dazu berufen, etwas Einzigartiges, sich Selbst,
in Werken zum Ausdruck zu bringen.

Barbara-Paraprem

 

Was einem halt so einfällt, auf nächtlichen Spaziergängen… ;)

Was aber ist ein Genie? Ich habe dazu ein wenig nachgeforscht. Genie kommt vom Lateinischen “Genius”, was ursprünglich soviel heisst wie “zeugende Kraft” oder “Erzeuger” bzw. “Schöpfer”. Später wurde in der römischen Religion ein persönlicher Schutzgeist daraus, vergleichbar mit “Schutzengeln”, die manche auch als “höheres Selbst” betrachten. Reigen vor dem Genius der Liebe (Meister des Rosenromans, ca. 1420-1430, commons.wikimedia.org)

Bild:
Reigen vor dem Genius der Liebe
Meister des Rosenromans, ca. 1420-1430, commons.wikimedia.org

Im Palmyrenischen, einem ostaramäischen Dialekt, kennt man das Wort “gny'”, vokalisiert als “ginnaya”. “Gny'” bedeutet “Gottheiten”. In einem Wörterbuch für Altäthiopisch fand ich für “Ganaya” folgende Übersetzung: verneigen, demütig sein, Dank, danken, Lob, huldigen, dienen, sich ergeben, demütig anerkennen, bezeugen, bitten, sich niederwerfen. Und in einem Wörterbuch für Sanskrit findet sich ebenfalls “घनाय – Ghanaya”, was mit “in grosser Zahl gefunden” übersetzt wird. Im Hinudismus kennt man die elephantenköpfige Gottheit “Ganesha” was “Gefolge, Schar, Gebieter” bzw. “Herr der Scharen” bedeutet. Und in der Bibel heisst es ganz zu Anfang: 1.Mose 1, 26: “Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei,…”
Auch Goethe spricht von einem Genius in folgenden Zeilen, die aus Goethes Briefwechsel mit einem Kinde – Dritter Teil – Buch der Liebe, zusammengestellt von Bettina von Arnim, stammen:

Die Erde liegt im Äther wie im Ei, das Irdische liegt im Himmlischen wie im Mutterschoß, die Liebe ist der Mutterschoß des Geistes.
Es gibt keine Weisheit, keine Erkenntnis des Wahren, die mehr will, als die Liebe zu ihr.
Jede Wahrheit buhlt um die Gunst des Menschengeistes.
Gerechtigkeit gegen alle beurkundet die wahre Liebe zu dem einen.
Je allseitiger, je individueller.
Nur der Geist kann von Sünden freimachen.
Willst Du allein sein mit dem Geliebten, so sei allein mit Dir.
Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in ihm.
Du erwirbst, Du hast Dich selbst – wo Du liebst; wo Du nicht liebst, entbehrst Du Dich.
Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius.
Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius.

Gott lieben, ist Gott genießen; wenn Du das Göttliche anbetest, so gibst Du Deinem Genius ein Gastmahl.
Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel.
Eine Kunst erwerben, heißt dem Genius einen sinnlichen Leib geben.
Eine Kunst erworben haben, bedeutet dem Geist nicht mehr Verdienst, als dem Vater eines bedeutenden Kindes. – Die Seele war da, und der Geist hat sie in die sichtbare, fühlbare Welt geboren.
Wenn Du einen Gedanken hast, der Dich belehrt, so fühlst Du wohl, es ist Dein liebender Genius, der Dir schmeichelt, der Dir liebkost. Er will Dich bewegen zur Leidenschaft für ihn.
Und alle Wahrheit ist Eingebung, und alle Eingebung ist Liebkosung, ist Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn überzugehen.
Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an.
Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst – es ist das Ideal Deiner eignen höheren Natur, was Du im Geliebten berührst.
Die wahre Liebe ist keiner Untreue fähig, sie sucht den Geliebten, den Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung.
Geist ist göttlicher Kunststoff, in der sinnlichen Natur liegt er als unberührtes Material. Das himmlische Leben aber ist, wenn Gott ihn als Kunststoff benützt, um seinen Geist in ihm zu erzeugen.
Drum ist das ganze himmlische Leben nur Geist, – und jeder Irrtum ist Verlust des Himmlischen. Darum ist jede Wahrheit eine Knospe, die durch die himmlischen Elemente blühen und Früchte tragen wird. Darum sollen wir die Wahrheit in uns aufnehmen, wie die Erde den Samen; als Mittel, durch welches unsere sinnlichen Kräfte in ein höheres Element hinüberblühen.
Indem Du denkst, sei immer liebend gegen Deinen Genius, so wird Dir die Fülle des Geistes nie ausgehen.
Die echte Liebe empfindet den Geist auch im Leib, in der sinnlichen Schönheit. Schönheit ist Geist, der einen sinnlichen Leib hat.
Aller Geist geht aus Selbstbeherrschung hervor.
Selbstbeherrschung ist, wenn Deinem Genius die Macht über Deinen Geist gegeben ist, die der Liebende dem Geliebten über sich einräumt.
Mancher will sich selbst beherrschen, daran scheitert jeder Witz, jede List, jede Ausdauer; er muß sich selbst beherrschen lassen durch seinen Genius, durch seine idealische Natur.
Du kannst den Geist nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.
Du berührst Dich mit dem Geliebten in allem, was Du erhaben über Dich fühlst.
Du bist im Geheimnis der Liebe mit ihm, in allem, was Dich begeistert.
Nichts soll Dich trennen von diesem göttlichen Selbst, alles, was eine Kluft zwischen Dir und dem Genius bildet, ist Sünde.
Nichts ist Sünde, was mit ihm nicht entzweit, jeder Scherz, jeder Mutwill, jede Kühnheit ist durch ihn sanktioniert, er ist die göttliche Freiheit in uns.
Wer sich durch die Äußerung dieser göttlichen Freiheit beleidigt fühlt, der lebt nicht in seinem Genius, dessen Weisheit ist nicht Inspiration, sie ist Afterweisheit.
Die Erkenntnis des Bösen ist ein Abwenden aus der Umarmung der idealischen Liebe; die Sünde spiegelt sich nicht im Auge des Geliebten.
Du saugst göttliche Freiheit aus dem Blick der Liebe, der Blick des Genius strahlt göttliche Freiheit. –
Es gibt ein wildes Naturleben, das durch alle Abgründe schweift, den göttlichen Genius nicht kennt, aber ihn nicht verleugnet; es gibt ein zahmes, kultiviertes Tugendleben, das ihn von sich ausschließt.
Wer die Tugend übt aus eigner Weisheit, der ist ein Sklave seiner kurzsichtigen Bildungsanstalt; – wer dem Genius vertraut, der atmet göttliche Freiheit, dessen Fähigkeiten sind zerteilt in alle Regionen, und er wird sich überall wiederfinden im göttlichen Element.

I AM THE LIGHT

LIGHT © Barbara-Paraprem, 2015

LIGHT © Barbara-Paraprem, 2015

 

I am the light of the world.
He that followeth me shall not walk in darkness,
but shall have the light of life.

John 8, 12

Ye are the light of the world.
A city that is set on an hill cannot be hid.
Neither do men light a candle, and put it under a bushel,
but on a candlestick; and it giveth light unto all that are in the house.
Let your light so shine before men,
that they may see your good works, and glorify your Father which is in heaven.

Matthew 5, 14-16

 

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My Shadow

Shadow (hotblack at morguefile.com)
Photosource: hotblack – morguefile.com

 

My Shadow

I have a little shadow that goes in and out with me,
And what can be the use of him is more than I can see.
He is very, very like me from the heels up to the head,
And I see him jump before me, when I jump into my bed.

The funniest thing about him is the way he likes to grow,
not at all like proper children, which is always very slow,
for he sometimes shoots up taller like an india-rubber ball,
and he sometimes gets so little that there’s none of him at all.

He hasn’t got a notion of how children ought to play,
and can only make a fool of me in every sort of way.
He stays so close beside me, he’s a coward, you can see,
I’d think shame to stick to nursie as that shadow sticks to me!

One morning, very early, before the sun was up,
I rose and found the shining dew on every buttercup,
but my lazy little shadow, like an arrant sleepy-head,
had stayed at home behind me and was fast asleep in bed.

Robert Louis Stevenson
From: A Child’s Garden of Verses (1885)

 

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