Buddha – Rainer Maria Rilke

Der Lyriker Rainer Maria Rilke besuchte auch den Bildhauer Auguste Rodin. In einem Brief an Clara Rilke, geb. Westhoff, schreibt er 1905 aus Meudon:

„Schon bald nach dem Abendessen ziehe ich mich spätestens um halb neun in mein kleines Haus zurück. Dann entfaltet sich die weite, bestirnte Nacht vor mir, und unten, vor dem Fenster, geht der Kiesweg einen kleinen Hügel hinauf, auf dem in glühender Stille eine Statue von Buddha ruht, die unbeschreibliche Selbstgenügsamkeit seiner Geste mit ruhiger Scheu unter all den Himmeln von Tag und Nacht austeilend. ‚Das ist das Zentrum der Welt‘, sagte ich zu Rodin. Und dann schaut er einem so freundlich an, ganz Freund. Das ist sehr schön und ein grossartiger Anteil…“ (archive.org)

Buddha in the garden of Rodin in Meudon (Kunst und Künstler - illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe III, S.17, Universitätsbibliothek Heidelberg)
Buddhastatue in Rodins Garten zu Meudon
Universitätsbibliothek Heidelberg

 

Buddha

Als ob er horchte. Stille: eine Ferne…
Wir halten ein und hören sie nicht mehr.
Und er ist Stern. Und andre große Sterne,
die wir nicht sehen, stehen um ihn her.

O er ist Alles. Wirklich, warten wir,
daß er uns sähe? Sollte er bedürfen?
Und wenn wir hier uns vor ihm niederwürfen,
er bliebe tief und träge wie ein Tier.

Denn das, was uns zu seinen Füßen reißt,
das kreist in ihm seit Millionen Jahren.
Er, der vergißt was wir erfahren
und der erfährt was uns verweist.

Rainer Maria Rilke
Aus: Neue Gedichte, 1907
www.zeno.org

 

Buddha

Schon von ferne fühlt der fremde scheue
Pilger, wie es golden von ihm träuft;
so als hätten Reiche voller Reue
ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.

Aber näher kommend wird er irre
vor der Hoheit dieser Augenbraun:
denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre
und die Ohrgehänge ihrer Fraun.

Wüßte einer denn zu sagen, welche
Dinge eingeschmolzen wurden, um
dieses Bild auf diesem Blumenkelche

aufzurichten: stummer, ruhiggelber
als ein goldenes und rundherum
auch den Raum berührend wie sich selber.

Rainer Maria Rilke
Aus: Neue Gedicht, 1907
www.zeno.org

 

Buddha in der Glorie

Mitte aller Mitten, Kern der Kerne,
Mandel, die sich einschließt und versüßt, –
dieses Alles bis an alle Sterne
ist dein Fruchtfleisch: Sei gegrüßt.

Sieh, du fühlst, wie nichts mehr an dir hängt;
im Unendlichen ist deine Schale,
und dort steht der starke Saft und drängt.
Und von außen hilft ihm ein Gestrahle,

denn ganz oben werden deine Sonnen
voll und glühend umgedreht.
Doch in dir ist schon begonnen,
was die Sonnen übersteht.

Rainer Maria Rilke
Aus: Der neuen Gedichte anderer Teil, 1908
www.zeno.org

 

Poems in English: cordite.org.au

 

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