Genius

Ein Genie wartet nicht darauf, bei anderen Anklang zu finden,
um das, was er der Welt zu schenken hat, zum Ausdruck zu bringen.
Sonst wären viele Erfindungen, grossartige Entdeckungen
oder Werke nie gemacht worden.
Jeder ist ein Genie und einzigartig an sich, allein durch sein Sein.
Jedoch auch dazu berufen, etwas Einzigartiges, sich Selbst,
in Werken zum Ausdruck zu bringen.

Barbara-Paraprem

 

Was einem halt so einfällt, auf nächtlichen Spaziergängen…😉

Was aber ist ein Genie? Ich habe dazu ein wenig nachgeforscht. Genie kommt vom Lateinischen „Genius“, was ursprünglich soviel heisst wie „zeugende Kraft“ oder „Erzeuger“ bzw. „Schöpfer“. Später wurde in der römischen Religion ein persönlicher Schutzgeist daraus, vergleichbar mit „Schutzengeln“, die manche auch als „höheres Selbst“ betrachten. Reigen vor dem Genius der Liebe (Meister des Rosenromans, ca. 1420-1430, commons.wikimedia.org)

Bild:
Reigen vor dem Genius der Liebe
Meister des Rosenromans, ca. 1420-1430, commons.wikimedia.org

Im Palmyrenischen, einem ostaramäischen Dialekt, kennt man das Wort „gny'“, vokalisiert als „ginnaya“. „Gny'“ bedeutet „Gottheiten“. In einem Wörterbuch für Altäthiopisch fand ich für „Ganaya“ folgende Übersetzung: verneigen, demütig sein, Dank, danken, Lob, huldigen, dienen, sich ergeben, demütig anerkennen, bezeugen, bitten, sich niederwerfen. Und in einem Wörterbuch für Sanskrit findet sich ebenfalls „घनाय – Ghanaya“, was mit „in grosser Zahl gefunden“ übersetzt wird. Im Hinudismus kennt man die elephantenköpfige Gottheit „Ganesha“ was „Gefolge, Schar, Gebieter“ bzw. „Herr der Scharen“ bedeutet. Und in der Bibel heisst es ganz zu Anfang: 1.Mose 1, 26: „Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei,…“
Auch Goethe spricht von einem Genius in folgenden Zeilen, die aus Goethes Briefwechsel mit einem Kinde – Dritter Teil – Buch der Liebe, zusammengestellt von Bettina von Arnim, stammen:

Die Erde liegt im Äther wie im Ei, das Irdische liegt im Himmlischen wie im Mutterschoß, die Liebe ist der Mutterschoß des Geistes.
Es gibt keine Weisheit, keine Erkenntnis des Wahren, die mehr will, als die Liebe zu ihr.
Jede Wahrheit buhlt um die Gunst des Menschengeistes.
Gerechtigkeit gegen alle beurkundet die wahre Liebe zu dem einen.
Je allseitiger, je individueller.
Nur der Geist kann von Sünden freimachen.
Willst Du allein sein mit dem Geliebten, so sei allein mit Dir.
Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in ihm.
Du erwirbst, Du hast Dich selbst – wo Du liebst; wo Du nicht liebst, entbehrst Du Dich.
Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius.
Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius.

Gott lieben, ist Gott genießen; wenn Du das Göttliche anbetest, so gibst Du Deinem Genius ein Gastmahl.
Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel.
Eine Kunst erwerben, heißt dem Genius einen sinnlichen Leib geben.
Eine Kunst erworben haben, bedeutet dem Geist nicht mehr Verdienst, als dem Vater eines bedeutenden Kindes. – Die Seele war da, und der Geist hat sie in die sichtbare, fühlbare Welt geboren.
Wenn Du einen Gedanken hast, der Dich belehrt, so fühlst Du wohl, es ist Dein liebender Genius, der Dir schmeichelt, der Dir liebkost. Er will Dich bewegen zur Leidenschaft für ihn.
Und alle Wahrheit ist Eingebung, und alle Eingebung ist Liebkosung, ist Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn überzugehen.
Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an.
Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst – es ist das Ideal Deiner eignen höheren Natur, was Du im Geliebten berührst.
Die wahre Liebe ist keiner Untreue fähig, sie sucht den Geliebten, den Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung.
Geist ist göttlicher Kunststoff, in der sinnlichen Natur liegt er als unberührtes Material. Das himmlische Leben aber ist, wenn Gott ihn als Kunststoff benützt, um seinen Geist in ihm zu erzeugen.
Drum ist das ganze himmlische Leben nur Geist, – und jeder Irrtum ist Verlust des Himmlischen. Darum ist jede Wahrheit eine Knospe, die durch die himmlischen Elemente blühen und Früchte tragen wird. Darum sollen wir die Wahrheit in uns aufnehmen, wie die Erde den Samen; als Mittel, durch welches unsere sinnlichen Kräfte in ein höheres Element hinüberblühen.
Indem Du denkst, sei immer liebend gegen Deinen Genius, so wird Dir die Fülle des Geistes nie ausgehen.
Die echte Liebe empfindet den Geist auch im Leib, in der sinnlichen Schönheit. Schönheit ist Geist, der einen sinnlichen Leib hat.
Aller Geist geht aus Selbstbeherrschung hervor.
Selbstbeherrschung ist, wenn Deinem Genius die Macht über Deinen Geist gegeben ist, die der Liebende dem Geliebten über sich einräumt.
Mancher will sich selbst beherrschen, daran scheitert jeder Witz, jede List, jede Ausdauer; er muß sich selbst beherrschen lassen durch seinen Genius, durch seine idealische Natur.
Du kannst den Geist nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.
Du berührst Dich mit dem Geliebten in allem, was Du erhaben über Dich fühlst.
Du bist im Geheimnis der Liebe mit ihm, in allem, was Dich begeistert.
Nichts soll Dich trennen von diesem göttlichen Selbst, alles, was eine Kluft zwischen Dir und dem Genius bildet, ist Sünde.
Nichts ist Sünde, was mit ihm nicht entzweit, jeder Scherz, jeder Mutwill, jede Kühnheit ist durch ihn sanktioniert, er ist die göttliche Freiheit in uns.
Wer sich durch die Äußerung dieser göttlichen Freiheit beleidigt fühlt, der lebt nicht in seinem Genius, dessen Weisheit ist nicht Inspiration, sie ist Afterweisheit.
Die Erkenntnis des Bösen ist ein Abwenden aus der Umarmung der idealischen Liebe; die Sünde spiegelt sich nicht im Auge des Geliebten.
Du saugst göttliche Freiheit aus dem Blick der Liebe, der Blick des Genius strahlt göttliche Freiheit. –
Es gibt ein wildes Naturleben, das durch alle Abgründe schweift, den göttlichen Genius nicht kennt, aber ihn nicht verleugnet; es gibt ein zahmes, kultiviertes Tugendleben, das ihn von sich ausschließt.
Wer die Tugend übt aus eigner Weisheit, der ist ein Sklave seiner kurzsichtigen Bildungsanstalt; – wer dem Genius vertraut, der atmet göttliche Freiheit, dessen Fähigkeiten sind zerteilt in alle Regionen, und er wird sich überall wiederfinden im göttlichen Element.

Ein Gedanke zu „Genius

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