ICF Gehirnwäsche

Audience (Unsplash at pixabay.com)

Photo: Unsplash – pixabay.com

Alle starren gebannt auf die grosse Kinoleinwand, auf der zuerst die Live-Musikgruppe in Nahaufnahme und aus versch. Blickwinkeln zu sehen ist, die jeder „Celebration“ beim ICF in Zürich vorausgeht, begleitet von allerlei Lichteffekten und den entsprechenden Song-Lyrics zum mitsingen. Tolle „Worship-Musik“, sie gefällt mir! Und das dies ein Hauptangelhaken für neue Mitglieder ist, erkennt jeder auf den ersten Blick ins Publikum, das zu einem grossen Teil sich erhoben hat und sich mit einer oder zwei gen Himmel gereckten Händen in Ekstase zu schaukeln versucht.

Dann betritt eine Dame die Bühne, die einige einleitende Worte spricht. Sie strahlt zwar, dennoch werde ich den Eindruck nicht los, dass sie unter grossem Druck steht, schon fast „strahlen zu müssen“, da vorne auf der Bühne, so wie es sich gehört.
Nach ihren Einleitungen und einigen kurzen Werbevideos zu verschiedenen Angeboten des ICF geht der Spendentopf rum, wobei sie irgendwas von einer finanziellen Ausgabe erzählt, die sie persönlich machte und danach bei einer Einladung andernorts viel mehr zurückbekommen hätte. Ich denke an den verwahrlost aussehenden Bettler, der mir auf der Fahrt hierher begegnet war und den ich von diversen früheren Begegnungen kannte. Er kam in den Zug und fragte verschiedene Leute um Geld. Leider hatte ich nur noch ein wenig Münz für ihn. In den Spendentopf des ICF habe ich nichts gegeben.

Ich war bisher vielleicht ca. 5 mal in „Celebrations“ des ICF in Zürich, und einmal auch beim Ostermusical und am Welcome-Apero, bei dem der Big Boss persönlich noch einige Grundsätze des ICF aufzählte, zu denen auch gehöre, dass man über andere Glaubensrichtungen nicht schlecht sprechen würde. Nur als er mal auf der Bühne von seiner früheren Ministrantenzeit erzählte und dabei das Abendmahl bzw. die Handlung des Priesters als (Zitat) „wegsaufen von Wein“ bezeichnete, fand ich das respektlos. Als ich ihn später einmal traf, tat ihm seine Ausdrucksweise leid. Ich erwiderte ihm, dass ich das kennen würde (- d.h. dass natürlich auch ich mich schon auf eine Weise äusserte, die mir später leid tat). Nobody is perfect und das erwarte ich ja auch gar nicht.

Bei einigen meiner Besuche hatte ich Predigten gehört, die ich wirklich toll fand und mich positiv motiviert hatten. Anderes wiederum fand ich weniger schön: Z.B. das sogenannte „Abendmahl“, das beim ICF eher der Selbstbedienung von Häppchen an einem Partybuffet gleicht oder das für einem persönlich gesprochene Gebet im Stehen, beides in keinerlei geschütztem Rahmen, sondern inmitten von hin- und her latschenden Leuten, Menschenmassen im Aufbruch, Lärm und wenn die Aufräumarbeiten und der Abbau der Bühne beginnen. Als ich beim Welcome-Apero einen anderen führenden ICF-Kopf fragte, ob er Interesse daran hätte zu hören, was man meiner Meinung nach noch verbessern könnte, kam nur ein sehr zögerliches, gelangweiltes „Ja“ und ich merkte, er hörte bloss dem Anschein nach aus Höflichkeit zu. Zu den beiden Punkten Abendmahl und Gebet meinte er nur, es mangle am Platz. Blödsinn – in den Riesenhallen, wo die Celebrations stattfinden, hätte es allemal Platz. Aber natürlich: Nicht jedem ist alles gleich wichtig oder „heilig“, und sowieso ist es unmöglich, in einer Gemeinschaft es immer allen recht zu machen.

Schliesslich kommt der Auftritt des heutigen Gastredners Dr. Robi Sonderegger, der in einem kurzen Videoclip vom Leiter des Zürcher ICF, Leo Bigger, mit grossen Worten auf der Leinwand angekündigt wird. Wie ich später durch seine Homepage erfahre, ist er „Klinischer Psychologe“.

Heutiges Thema der Predigt (Juni, Sihlcity, Zürich): „Urknall oder Schöfung – Wissenschaft vs. Bibel“. Ich wusste das im Vorraus und von manchen christlichen Grupierungen weltweit, wie Evolution für gewöhnlich betrachtet wird, nämlich als eine ungläubige Absage an Gott und Bibel. Ich dachte nur: ‚Hm, mal schauen was er zu sagen hat, die Musik ist es allemal wert, und ich hab einen netten Ausflug gemacht… Vielleicht ergibt sich sogar das eine oder andere Gespräch, und wenn nicht, auch gut.‘

Dr. Robi Sonderegger schwatzt auf Englisch, was simultan von einem anderen ICF Prediger auf Deutsch übersetzt wird und sein Auftritt erinnert mich doch stark an jene, wie man sie von amerikanischen, „ekstatischen“ Predigern kennt: Glücklicherweise einmal nicht zum gähnen langweilig, dafür schon fast zwanghaft showmässig ins andere Extrem. Einen hochwissenschaftlichen Vortrag habe ich jedoch ganz sicher nicht erwartet, das war mir von vornherein klar.

Unter anderem spricht er davon, wie für Jesus alles möglich ist, über alle körperlichen Grenzen hinweg. Da stimme ich ihm zu. Ich glaube an „Wunder“. Auf das von ihm selbst aufgeworfene Thema „Heilung von Amputierten“ bringt er jedoch zuerst bloss die Stelle in der Bibel, wo Jesus im Garten Gethsemane verhaftet wurde und das Ohr, dass Petrus dem einen Soldaten abhaute, sogleich wieder ansetzte. Und weiters: „Dass es durch die Geschichte hindurch zahlreiche Beispiele von Leuten gebe, die geheilt wurden, deren Gliedmassen nachgewachsen sind.“ Ein konkretes Beispiel bleibt jedoch aus (- wir sprechen hier von Gliedmassen, nicht nur kleinen Gewebeteilen!). Ausserdem meint er, dass „Amputation sogar eine gute Sache sein könne“, weil es „Menschen gäbe, die sich am Ende ihres Lebens wünschen würden, dass sie eine gehabt hätten“ und unterstreicht das mit dem Bibelvers in Matthäus 18, 8: „So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab und wirf ihn von dir…“.

Hin und wieder wird seine Rede unterbrochen von einer kurzen Videoeinspielung von sich selbst als Wissenschaftler verkleidet, mit weissem Kittel und Hornbrille, genau jene Fragen ins lächerliche ziehend, die in solchen Diskussionen Wissenschaft vs. Bibel gerne aufgeworfen werden.

Dann kommt er auf andere Glaubensrichtungen zu sprechen . Als er vorrausschickt, dass er sehr sensibel zu Menschen sein will, die einen anderen Glauben haben mögen, keimt schon fast die Hoffnung auf, dass wirklich eine Begegnung auf gleicher Höhe möglich wäre, andererseits bin ich auch alarmiert, ohne in diesem Moment sagen zu können, wieso. Plötzlich zählt er eine ganze Reihe von Personen auf und wirft dabei Buddha, Mohammed, Krishna, Zeus und sogar das fliegende Spaghetti-Monster in einen Topf und meint (Zitat) dass „die Weise, in der sich Jesus von allen anderen himmlischen Gottheiten oder Propheten unterscheide, sei, dass alle von ihnen gekommen seien, um eine Religion zu gründen“ und dass „man bei allen anderen Glauben und Traditionen sich einen Weg ins Nirvana, in den Himmel, in die Erleuchtung oder Rettung zu verdienen habe“. Dann verhaspelt er sich und sagt, „dass Jesus nicht gekommen sei, um eine Beziehung zu gründen“, korrigiert sich aber sofort und meint, „dass er nicht gekommen sei, um eine Religion zu gründen, sondern um eine Beziehung zu beginnen und wiederherzustellen“.

Ich denke nur: Hat er sich denn überhaupt jemals wirklich mit Buddha oder den anderen erwähnten Richtungen auseinandergesetzt? Wo hat denn Buddha z.B. jemals gesagt: ‚Hey Leute, hört mal, ich gründe jetzt eine Religion und ihr habt mir schön brav zu folgen?‘ Im Gegenteil. Oder die sonderbare Behauptung, dass man sich Erleuchtung verdienen müsse. Aber hier werden kurzerhand undifferenzierte Slogans von sich gegeben, ohne auch nur einen Moment nachzudenken – weil sie halt so praktisch sind, um einem zumeist jungem Publikum zu versichern, dass sie entlich am richtigen Ort angekommen sind – einem hungrigen, suchenden Publikum, das Halt, Orientierung und ein bisschen Wärme in einer chaotischen und brutalen Gesellschaft sucht. Nicht zuletzt lautet auch einer der Werbesprüche vom ICF „Welcome Home“ („Willkommen Zuhause“). Coole Musik, kombiniert mit frenetischen Reden kommt beim jungen und, nicht ganz zu Unrecht, kirchenentäuschtem Publikum an. Es ist ja auch viel einfacher, sich auf der „richtigen Seite“ zu wissen, auf Bühne oder Leinwand zu starren und sich „entertainmen“ zu lassen als nachzudenken und, schlimmstenfalls, auch noch die eigenen Abgründe anschauen zu müssen.

Mit einem gewissen Bedauern blicke ich ins Publikum und denke an den Bibelspruch, in dem vor vielen Propheten, die noch kommen werden, gewarnt wird :

So alsdann jemand zu euch wird sagen: Siehe, hier ist Christus! oder: da!
so sollt ihr’s nicht glauben.
Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen
und große Zeichen und Wunder tun,
daß verführt werden in dem Irrtum (wo es möglich wäre) auch die Auserwählten.

Matthäus 24, 23-24

Und dass das, was die Leute nur noch weiter von sich wegführt, manchmal in strahlendem Auftritt daherkommt. Es überkommt mich der Wunsch, die Leute einzeln anzusprechen, damit sie ihren Blick von der Leinwand und Show wenden und – sei es nur für einen einzigen kurzen Moment! – aus der Hypnose „erwachen“.
Ich wende mich zu meiner Sitznachbarin, die ganz begeistert dem Redner leise nickend folgt und zur Bühne starrt. Nicht weil ich sie von irgendwas überzeugen will oder zu irgendwas „bekehren“. Einfach nur, weil mir in diesem Moment das Herz überquillt und mich, einerseits, so stupide Aussagen, wie Buddha hätte bloss eine Religion gegründet und das gleichstellen mit dem fliegenden Spaghetti-Monster irgendwie traurig machen und andererseits um nicht ebenfalls hypnotisch nach vorne zu starren. Ich sage ihr also, ich sei Buddhistin, denke aber sofort, ob das nun geschickt war, weil ich damit natürlich bei jedem Freichristen automatisch bei den „Ungläubigen“ einsortiert werde und grundsätzlich auf Misstrauen stosse. Ich überlege einen Moment, ob ich dazusagen soll, dass ich auch regelmässig zur Messe gehe, lasse es aber, weil ich nichts beweisen oder rechtfertigen muss. Und das hätte sie vielleicht nur noch mehr verwirrt. Eine Buddhistin, ja das ist klar, die ist noch nicht zum richtigen Glauben gekommen, aber Buddhistin UND auch noch katholisch, um Gottes willen! Ausserdem haben’s die Freichristen mit den Katholen noch weniger wie mit Buddhisten (- die eindeutig verwirrt sind und allenfalls noch bekehrt werden könnten), da die Katholen Gutes und Teuflisches in einen Topf werfen. Einige Sätze mehr entschlüpfen mir, will dann aber auch nicht weiter stören und die Beschallung ist sowieso zu laut, als dass man sich daneben noch gut unterhalten könnte. Ausserdem habe ich keinen Bock auf ein Streitgespräch und es ist nicht meine Aufgabe, irgendjemanden zu belehren.

Nach der Predigt übernimmt wieder der andere ICF-Prediger das Mikro und ruft dazu auf, jeder, der an irgendeiner Krankheit leide, die Hand zu heben. Es sammeln sich kleine Grüppchen im Kinosaal, die mit gesenktem Haupt zusammenstehen und zu beten anfangen. Auch wird die Gelegenheit geboten, sich hier und heute „für Jesus zu entscheiden und ihm sein Leben zu übergeben“ wozu er auf der Bühne ein kurzes Gebet vorbetet.

Kurz vor dem Ende verlasse ich als erste den Saal, just als die Musikgruppe wieder die Bühne betritt um nochmals, strategisch geschickt, das Publikum „aufzuheizen“. Ich denke nur: ‚Nein danke, ich würde die zwar gerne noch hören, aber so…‘ Ich laufe an diversen ehrenamtlichen Helfern in roten ICF-Shirts vorbei, die alle paar Meter die ganze Veranstaltung über positioniert bleiben und grüsse freundlich lächelnd zurück. Zögernd passiere ich die „Lounge“, welche es danach regelmässig gibt, und wo man noch eine Weile zusammensitzen und etwas trinken kann. Verlasse aber dann doch das Kinogebäude. Draussen sind einige Cafés im grossen Einkauszentrum noch offen, in denen plaudernde Leute an der frischen Luft sitzen… einfach schön.

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