Das letzte Stück Schokolade

Francine Christophe, 82, Holocaust-Überlebende erzählt:

Mein Name ist Francine Christophe. Ich bin am 18 August 1933 geboren. 1933 kam Hitler an die Macht. Schau… das ist mein Stern. Ich musste ihn auf der Brust tragen, natürlich, wie alle Juden. Er ist gross, nicht wahr? Vorallem für ein Kind, weil ich dann 8 Jahre alt war.

Als ich im Lager in Bergen-Belsen war, passierte etwas Aussergewöhnliches. Zur Erinnerung: Als Kinder von Kriegsgefangenen waren wir bevorzugt – es war uns erlaubt, etwas von Frankreich mitzubringen. Ein kleiner Sack mit zwei, drei kleinen Sachen. Eine Frau brachte Schokolade mit, eine andere Zucker, eine dritte eine Handvoll Reis.

Meine Mutter hatte zwei kleine Stücke Schokolade eingepackt. Sie sagte: „Wir bewahren das auf für den Moment, wenn du völlig zusammengebrochen bist und wirklich Hilfe brauchst. Dann gebe ich dir die Schokolade und du wirst dich besser fühlen.“

Eine Frau, die mit uns zusammen gefangen war, war schwanger. Man konnte nicht sagen, dass sie schwanger war, so dünn war sie! Aber der Tag kam, wo die Wehen einsetzten. Sie ging ins Lager-Hospital, mit meiner Mutter, die Lageraufseherin war. Bevor sie gingen, fragte meine Mutter: „Erinnerst Du dich an die Schokolade, die ich für dich aufbewahrt habe?“ „Ja, Mama.“ „Wie fühlst du dich?“ „Gut, Mama, es geht mir gut.“ „Erlaubst du mir dann, dass ich die Schokolade dieser Frau bringe, unserer Freundin Hélène? Das Kind hier zur Welt bringen wird hart, vielleicht stirbt sie. Wenn ich ihr die Schokolade gebe, mag ihr das helfen.“ „Ja, Mama, mach nur.“

Hélène brachte das Kind zur Welt, ein winziges, kleines, schwaches Baby. Sie ass die Schokolade, sie starb nicht und kam zurück in die Baracken. Das Baby schrie nie! Nie! Es jammerte nicht mal. 6 Monate später wurde das Lager befreit. Sie wickelten das Baby aus dem Tuch und das Baby schrie! Das war der Moment, als es geboren wurde. Wir nahmen ihn zurück nach Frankreich. Ein kümmerliches, kleines Ding, für 6 Monate.

Vor einigen Jahren fragte mich meine Tochter: „Mama, wenn ihr Deportierten bei eurer Rückkehr Psychologen oder Psychiater gehabt hätten, wäre es vielleicht leichter gewesen.“ Ich antwortete: „Unzweifelhaft. Aber wir hatten keine. Niemand dachte an psychische Erkrankungen. Aber du hast mir eine gute Idee gegeben, wir werden einen Vortrag über das halten.“ Ich organisierte einen Vortrag über das Thema „Wenn die Überlebenden der Konzentrationslager 1945 Beratung gehabt hätten, was wäre dann gewesen?“ Der Vortrag zog eine Menge Leute an. Ältere Überlebende, Historiker, und viele Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten. Sehr interessant! Viele Ideen tauchten auf, es war hervorragend.

Dann kam eine Frau auf’s Podium und sagte: „Ich lebe in Marseille, wo ich Psychiaterin bin. Bevor ich meine Rede beginne, habe ich für Francine Christophe etwas.“ Mit anderen Worten also für mich. Sie griff in ihre Tasche und nahm ein Stück Schokolade heraus, gab es mir und sagte: „Ich bin das Baby!“

 

Nicht mehr eure Welt (Francine Christophe)Buch über ihr Leben:

From a World Apart: A Little Girl in the Concentration Camps (www.amazon.com)

Nicht mehr Eure Welt: Ein Kind in Gefängnissen und Lagern 1942-1945 (www.amazon.de)

Nicht mehr Eure Welt: Ein Kind in Gefängnissen und Lagern 1942-1945 (www.exlibris.ch)

 

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