Nisroch

Ich war letzens in einer Buchhandlung und in der Eso-Abteilung klappte ich ein Buch über Engel auf. Mein Blick fiel auf den Namen „Nisroch“. So habe ich ein bisschen recherchiert…😉

Nisroch
Nisroch
commons.wikimedia.org
Winged Genius (Alabaster, Walters Art Museum, Aquired by Henry Walters, 1923, commons.wikimedia.org)
„Geflügelter Geist“
Neo-Assyrisches Alabaster-Relief,
zwischen 883 and 859 vChr.
commons.wikimedia.org


Mit der rechten Hand benutzt der Geist einen kegelförmigen Gegenstand (von manchen als Pinienzapfen als Symbol der Regeneration gedeutet) um damit aus seinem Eimer etwas Zaubertrank auf einen Baum zu streuen oder den König, der auf dem benachbarten Relief abgebildet ist.

Nisroch (Hebräisch: Nisnrok / נִסְרֹ֣ךְ), auch: Nisroc, Nisrok, Nesroch, Nisrach, wird für gewöhnlich auf die Wurzel „Nesher“ (נֶשֶׁר) bezogen, die „Adler“ bedeutet. Mit der persischen Endung „och“ oder „ach“ auch „Grosser Adler“.

In der Midrasch, der Auslegung religiöser Texte im rabbinischen Judentum, heisst es, dass „Nisroch“ vom hebräischen Wort „Neser“ stammt. „Neser“ war der Name, der einem Holzbrett gegeben wurde, dass von Sanherib während seiner Rückkehr von seinem Kampf in Judah nach Assyrien entdeckt wurde. Die Weisen schreiben, dass dieses Brett ursprünglich ein Teil von Noah’s Arche war und Sanherib es als Götze verehrt hat. Es wurde desshalb angenommen, dass dieses verehrt wurde, als Sanherib von seinen beiden Söhnen ermordet wurde.

Nisrach klingt auch ähnlich wie „Misrach„. Misrach (מזרח) ist der hebräische Name für Osten, abgeleitet vom Stamme זרח (dt.: aufgehen, ausbilden). Es bezeichnet die Himmelsrichtung, in die sich der fromme Jude zum Gebet verneigt, hierin ähnlich der Qibla der Muslime (Gebet nach Mekka ausgerichtet). Um den Schein einer Sonnenverehrung zu vermeiden, wird empfohlen, um einige Grad von der östlichen Richtung abzuweichen. Gemeint ist nicht der Osten als Aufgang des Lichtes, wie es etwa im westlichen Christentum verstanden wird sondern der Jerusalemer Tempel als Opferort. Das ist insofern interessant, als dass ich gewisse Parallelen zu Horus / Jesus sehe, ebenfalls Verkörperungen des Lichts, wie ich weiter unten erkläre.

Nach Peter von Bohlen, einem Orientalisten und Pionier des Sanskritstudiums des 18.Jahrhunderts, ist Nisroch vielleicht vom Sanskrit hergeleitet: von „Nis“(Nacht) und „ro’çis“ (Licht), d.h. soviel wie „Licht der Nacht“, bzw. „Mond“.

Er wird sowohl mit Menschen- als auch Adlerkopf dargestellt.

In esoterischen Kreisen gilt er als „Engel der Freiheit“ und soll ein Anführer der Engelhirarchie „Fürstentümer“ sein. Für andere wiederum ist er ein „gefallener Engel“. Vermutlich wird er desshalb mit Freiheit assoziert, weil man auch Vögel gerne mit dieser Eigenschaft verbindet („Frei wie ein Vogel“).

Nisroch ist eine im Alten Testament erwähnte Gottheit, die im Tempel Araske in Ninive von König Sanherib von Assyrien angebetet wurde, der im Jahre 681 v. Chr. von seinen Söhnen Adrammelech und Shizrezer erschlagen wurde:

Und in derselben Nacht fuhr aus der Engel des HERRN und schlug im Lager von Assyrien hundertfünfundachtzigtausend Mann. Und da sie sich des Morgens früh aufmachten, siehe, da lag’s alles eitel tote Leichname. Also brach Sanherib, der König von Assyrien, auf und zog weg und kehrte um und blieb zu Ninive. Und da er anbetete im Hause Nisrochs, seines Gottes, erschlugen ihn mit dem Schwert Adrammelech und Sarezer, seine Söhne, und entrannen ins Land Ararat. Und sein Sohn Asar-Haddon ward König an seiner Statt. (2 Könige 19, 35-37)

Nisroch soll der Gott der Landwirtschaft gewesen sein. Manche bringen ihn in Verbindung mit dem Gott Ninurta, der in der sumerischen, akkadischen und assyrischen Mythologie ein Wasser- und Kriegsgott ist.

Lamassu (commons.wikimedia.org)Foto rechts: Lamassu
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Austen Henry Layard, ein britischer Archäologe des 19. Jahrhunderts, entdeckte eine adlerköpfige Figur in den Ruinen von Ninive, Nimrud, die im 9. Jhr. Hauptstadt des assyrischen Reiches war, heute im Irak liegend. Er nahm an, dass es Nisroch zeigt. Eine ähnliche Figur wurde auch in Khorsabad entdeckt, die als „Lamassu“ bekannt ist, einem babylonischen Schutzdämon mit Stierkörper, Flügeln und menschlichem Kopf.

Horus (Ägypten, 332-27 vChr., commons.wikimedia.org)Foto links: Horus
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Die erste Darstellung von Nisroch mit Adlerkopf erinnert mich doch stark an den ägyptischen Gott „Horus„, der ursprünglich ein Himmelsgott, Königsgott, Welten- oder Lichtgott war, sowie Beschützer der Kinder und meist mit Falkenkopf dargestellt ist. Auch kennt man Abbildungen von Horus, wie er von Isis gestillt wird. Horus galt als Personifikation der Sonne. Mit Isis und Horus vergleichbar wären im Christentum Maria und Jesus, der ja von sich selbst sagt: „Ich bin das Licht der Welt“ (Johannes 8, 12) und von manchen einfach nur als Fortsetzung eines uralten Sonnenkultes betrachtet wird. Man denke auch an den Spruch in Genesis 1, 3: „Es werde Licht!“

Christ Pantocrator (ca. 1180, Fresco, commons.wikimedia.org)
Christ Pantocrator mit den 4 Evangelisten / Wesen
Fresco, ca. 1180
commons.wikimedia.org

Geflügelte Wesen mit Tierleib kennt man auch im Christentum als „Evangelistensymbole“ und es gibt zahlreiche Kunstwerke mit ihnen.

Lukas – Stier/Ochse – Norden
Markus – Löwe – Süden
Johannes – Adler – Osten
Matthäus – Mensch – Westen

Bezogen auf den mit Adlerkopf dargestellten „Nisroch“, wäre das der Evangelist Johannes, der den Osten symbolisiert. Und schon wieder sind wir beim Thema des Lichts, denn: „Im Osten geht die Sonne auf“ (Ex Oriente Lux).

Diese Symbole gehen zurück auf eine Vision des Propheten Hesekiel, wie in Hesekiel 1 beschrieben:

Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Mitternacht her mit einer großen Wolke voll Feuer, das allenthalben umher glänzte; und mitten in dem Feuer war es lichthell. Und darin war es gestaltet wie vier Tiere, und dieselben waren anzusehen wie Menschen. Und ein jegliches hatte vier Angesichter und vier Flügel. Und ihre Beine standen gerade, und ihre Füße waren gleich wie Rinderfüße und glänzten wie helles glattes Erz. Und sie hatten Menschenhände unter ihren Flügeln an ihren vier Seiten; denn sie hatten alle vier ihre Angesichter und ihre Flügel. Und je einer der Flügel rührte an den andern; und wenn sie gingen, mußten sie nicht herumlenken, sondern wo sie hin gingen, gingen sie stracks vor sich. Ihre Angesichter waren vorn gleich einem Menschen, und zur rechten Seite gleich einem Löwen bei allen vieren, und zur linken Seite gleich einem Ochsen bei allen vieren, und hinten gleich einem Adler bei allen vieren. Und ihre Angesichter und Flügel waren obenher zerteilt, daß je zwei Flügel zusammenschlugen, und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib. Wo sie hin gingen, da gingen sie stracks vor sich, sie gingen aber, wo der sie hin trieb, und mußten nicht herumlenken, wenn sie gingen. Und die Tiere waren anzusehen wie feurige Kohlen, die da brennen, und wie Fackeln; und das Feuer fuhr hin zwischen den Tieren und gab einen Glanz von sich, und aus dem Feuer gingen Blitze. Die Tiere aber liefen hin und her wie der Blitz….

Manche deuten diese Vision als frühe Schilderung einer „Ufo-Sichtung“.

Im 6. Gesang von John Miltons Buch „Paradise Lost“ („Verlorenes Paradies“), einem epischen Gedicht, ist Nisroch ein Fürst bzw. Anführer gefallener und rebellischer Engel:

Er setzte sich. In der Versammlung stand
Nisroch zunächst auf, als der Fürsten Erster;
Er stand wie Einer, der kaum dem Gefecht
Entronnen arg zerhau’n ist und verwundet,
Mit ernstumwölktem Blicke sprach er drauf:
»Befreier von den Herrschern! Führer Du
Zum freien Hochgenuß des Götterrechts!
Jedoch zu hart, für Götter selbst zu ungleich
Erscheint die Schlacht, die gegen stärk’re Waffen
Und unter Schmerzen gegen Schmerzensfreie
Gefochten ward; Verderben folgt daraus.
Was frommt uns Muth, wenn unvergleichlich auch,
Wann ihn der Schmerz besiegt, der Alles beugt
Und der die Hand des Mächtigsten entkräftet?
Gefühl für Lust entbehren wir vielleicht,
Und ohne Reue, denn wir leben ja
Zufrieden, was das schönste Leben ist.
Doch Schmerz ist Elend, und der Uebel ärgstes,
Da er durch Uebermaß Geduld besiegt.
Wer drum ersinnt, durch welches Mittel wir
Den unverwundbar starken Feind verletzen,
Ja oder uns mit gleicher Wehr bewaffnen,
O! der verdient gewiß Geringres nicht,
Als was wir für Erlösung schuldig sind.

 

Links

Wikipedia – Nisroch
www.biblicalcyclopedia.com
Wikipedia – Ashurnasirpal II

Bücher, in denen Nisroch vorkommt:

Sarchedon – G.J.Whyte-Melville
The Story Of The Amulet – E. Nesbit
Angels on Fire – Nancy A. Collins
The Angel’s Fall – Travis Lyon

 

Geflügelte Götter (Assyrien, zw.874 und 860 vChr., commons.wikimedia.org)
„Geflügelte Götter“
Assyrien, zw.874 und 860 vChr.
commons.wikimedia.org

 

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