„Platzangst“

Ich nahm im Bus ganz vorne Platz, wo es einen Einzelsitz hat, der nur wenig breiter ist, wie die anderen Sitze. Irgendwann stieg eine alte Dame in den Bus, stand direkt neben mir und fuhr mich unvermittelt mit gehässigem Ton an: „Das sind zwei Plätze, ich möchte gerne hier sitzen!“ Ganz im Ernst und ohne zu übertreiben: da hätte allerhöchstens noch ein Kleinkind sich dazuquetschen können und noch nie habe ich zwei Erwachsene auf diesem Platz sitzen sehen. Erste Reaktion von mir in mir drin: Baff, das sie überhaupt auf die Idee kommt, da sich noch hinsetzen zu können, dann Unmut über den Ton von ihr, dann Widerstand. Ich beugte mich auf die Seite, obwohl ich bereits am äusseren Rand des Busses sass und sagte, auf das leere Streifchen zeigend: „Da wollen Sie noch hinsitzen??? Neheein!“ Sie insistierte noch gehässiger mit den gleichen Worten.

Ich dachte an eine Begegnung, die ein Freund mir mal erzählte, wo er „angeputscht“ und angemotzt wurde, weil ein unzufriedener Zeitgenosse meinte, so sich Platz erkämpfen zu müssen, woraufhin mein Freund zwar zuerst auch einen gewissen Unmut verspürte, dem Herrn aber doch das Schokolädchen schenkte, das seinem Café beigelegt war. In mir drin riet mir eine leise Stimme: ‚Steh einfach auf und überlass ihr den Platz!‘ Und ich dachte daran, wie buddhistische oder christliche Freundlichkeit in diesem Fall praktisch zu leben wären. Wozu bin ich denn Buddhstin/Christin wenn nicht für das! Ich zögerte einige Sekunden, dann stand ich auf und sagte: „Dann überlass ich Ihnen den ganzen Platz.“ Natürlich: Das Non-plus-Ultra dieser Umsetzung wäre gewesen, ohne jeden Widerstand sofort aufzustehen und ihr, herzlich lächelnd, den Platz zu überlassen.
Hinterher dachte ich: Vielleicht wär’s die bessere Lehre gewesen, wenn ich einfach mich noch mehr nach rechts gequetscht hätte und gesagt hätte: „Bitte sehr!“ Dann hätte sie selber gemerkt, dass sie da gar kein Platz gehabt hätte. Aber in solchen Momenten fehlt mir oftmals die Schlagfertigkeit.

Nach dem Aussteigen ging mir das ganze noch eine Weile nach. Ich sagte mir: Ok, jetzt mögen unangenehme Gefühle da sein. Ich halte sie aus. Erfahrungsgemäss vergehen solche relativ schnell. Und nachher mag ich froh sein, wenn ich die Frau desswegen nicht in Grund und Boden verdammt habe. Und so war es dann auch.

Die Dame kann echt froh sein, dass es mir derzeit so gut geht. Normalerweise hätt ich da – zumindest in Gedanken – noch ganz anders reagieren mögen, hahaha…

OLD GRUMPY LADY © Barbara-ParapremNein, das ist sie nicht, und ja, ich habe etwas mit Photoshop nachgeholfen… Ich weiss es mangelt mir an Demut…
smilie grins

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